Da bisher nur ein kleiner und elitärer Kreis von 1% - (maximal) 5% (je nach Berechnungsart) der Bevölkerung zur Stammkundschaft außerschulischer politischer Bildung zählt, stellen sich nicht nur vor dem Hintergrund des Ausbaus der Bürgergesellschaft, des Bindungsverlustes der politischen Parteien, der anstehenden Wahlen oder der Bekämpfung des Extremismus grundsätzliche Fragen wie diese: Ist politische Bildung (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen eigentlich die Bürgerinnen und Bürger?
„Die
vorliegende Arbeit soll ein Beitrag zur Erweiterung der Reichweite außerschulischer
politischer Bildung (unter besonderer Berücksichtigung der politischen
Erwachsenenbildung) und Grundlage zur Orientierung hin zu einer Breitenbildung
der für die moderne Demokratie wichtiger werdenden politischen Bildungsarbeit
sein. Einen Schlüssel, um mehr
Menschen für politische Bildungsangebote zu gewinnen, sehe ich im Bemühen, vom
Interesse des Bürgers her zu denken und damit den Markt politischer Bildung näher
zu beleuchten. Denn „Hersteller geraten in große Schwierigkeiten, wenn sie
ihren Produkten mehr Aufmerksamkeit widmen als den durch diese Produkte
erwirkten Leistungen. Oft lieben die Hersteller ihre Produkte geradezu,
vergessen dabei jedoch, dass die Kunden diese Produkte kaufen, weil sie ein
bestimmtes Bedürfnis befriedigen. Die Menschen erwerben keine physischen Güter
allein um des Gutes willen. (...) Verkäufer, die sich nicht auf die Bedürfnisse
des Kunden, sondern auf das Produkt konzentrieren, leiden unter einer Schwäche:
der sogenannten Marketing-Kurzsichtigkeit“ [Kotler, P./Bliemel, F. 1999:
Marketing-Management. Stuttgart, S. 10]. Wenn man dieses
wirtschaftswissenschaftlich orientierte Zitat etwas modifiziert, „Produkte“
und „Güter“ durch „Dienstleistung“, was politische Bildung ist (sie ist
kein physisches Produkt, sondern eine Dienstleistung für die Demokratie und für
die Bürger) ersetzt und „Hersteller“ bzw. „Verkäufer“ durch
„Bildungsträger“, hat man m.E. eine treffende Zusammenfassung der
Situationsbeschreibung politischer Bildungspraxis und zugleich einen Ansatz für
den Ausweg: eine umfangreiche Erhebung der Bedürfnisse und Erwartungen der Bürger
mittels einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, um so die Angebotsplanung
zu verbessern und das Marktpotenzial politischer Bildung zu ermitteln. Also die
Erschließung des Erkenntnisinteresses (Wege zur Erweiterung der Reichweite
politischer Bildung) von der Bürger- bzw. Kundenseite aus.
(...)
Durch
die Kenntnis der Interessen der Zielgruppe ist es möglich, sie dort abzuholen,
wo sie sich mit ihren Fragen befinden. Nur so können politische
Bildungsangebote den Bürgern einen Nutzen bringen. Schließlich wird die daraus
entstehende (größere) Nachfrage der Angebote die Erläuterung weiterer
Zusammenhänge bzw. Botschaften ermöglichen, um so der Demokratie einen Dienst
zu erweisen. Eine derartige Bedürfnis- und Nachfrageerhebung gab es bisher
allerdings nicht. Es existieren kaum Daten über den Markt politischer Bildung,
die zur Angebotsgestaltung herangezogen werden können. Klaus-Peter Hufer
beschrieb daher die empirische Datenlage zur politischen Bildung 1991 als
„statistisches Nirwana“ [Hufer, K.-P. 1991:
Herausforderungen für die politische Erwachsenenbildung. Konsequenzen nach der
Einigung. Schwalbach/Ts., S. 19].“
„Zusammenfassend
kann man zu den
bekannten Datenquellen feststellen, dass die Träger politischer Bildung
bestimmtes Erfahrungswissen zur Teilnehmerzahl, zur Resonanz bestimmter
Bildungsformate und zum Teil auch empirische Erhebungen in Teilnehmerkreisen
oder in ihrem jeweiligen milieuspezifischen Umfeld haben. Es sind keine
umfangreichen und von bestimmten Vorstellungen wie Bildungsformaten und Themen
losgelöste und gesicherte Erhebungen - bezogen auf die gesamte Bevölkerung der
Bundesrepublik Deutschland - bekannt, die Aussagen darüber zulassen, ...
- ...
ob sich neben dem kleinen und überwiegend elitären bzw. politisch interessierten „Markt
der Stammkundschaft“ außerschulischer politischer Bildung ein
zweiter aufbauen lässt.
- ...
welche unterschiedlichen Bildungsangebote von den Bürgern angenommen würden.
Also, ob es evtl. einen ungedeckten Bedarf politischer Bildungsinteressen in der
Bevölkerung gibt und was die Bürger wollen bzw. erwarten, um genau dort mit
Angeboten anknüpfen zu können.
- ...
wie das Image politischer Bildung in der Bevölkerung und bei Entscheidungsträgern
besetzt ist, was wesentlich Fragen der Konzeption politischer Bildungsangebote
und Neuentwicklungen wie Kooperationsabsichten oder Fundraising- bzw.
Sponsoringvorstellungen beeinflusst.“
"Der
Bedarf im Fach nach aussagekräftigen Daten zum Entwicklungspotential
politischer Bildung im Weiterbildungsmarkt muss als außerordentlich hoch
eingeschätzt werden.(...) Es ist von allergrößtem Interesse für die
politische Bildung, genauere Informationen über ihre Marktchancen in jenem ganz
überwiegenden Teil der erwachsenen Bevölkerung zu erhalten, die sie bisher mit
ihren Angeboten nicht erreichen konnte.“
im
Gutachten zum Forschungsprojekt; er betreut das Dissertationsforschungsprojekt]
Die Grundlage zur Forschungsidee und zum Forschungsvorhaben des Berichts politische Bildung 2002 stammt aus einer Studie, die 1997 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main durchgeführt wurde. Nähere Informationen zu dieser älteren Vorläuferstudie hier ...